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Kreativität auf kleinem Raum - die Kunst der Briefmarkengestaltung

Der Grafik-Designer Gerhard Lienemeyer hat die Sonderbriefmarke „750 Jahre Knappschaft“ gestaltet

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Kleine Marken als große Herausforderung

Kreativität auf kleinem Raum – das ist die eigentliche Kunst bei der Gestaltung von Briefmarken. Und wie schafft man es, die 750-jährige Geschichte der Knappschaft auf wenige Quadratzentimeter zu verewigen? Dieser Aufgabe hat sich auch Gerhard Lienemeyer gestellt. Der Grafik-Designer aus Offenbach wurde vom Bundesministerium für Finanzen eingeladen, sich an dem Wettbewerb zur Gestaltung der Sonderbriefmarke „750 Jahre Knappschaft“ zu beteiligen. Am 4. November 2010 wurde die Marke mit dem Postwertzeichen 1,45 Euro der Öffentlichkeit in Bochum vorgestellt. Und die Deutsche Post richtete am 11. November, dem Tag der sogenannten Erstausgabe, ein Sonderpostamt in der Hauptverwaltung der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See in Bochum ein.

Gerhard Lienemeyer hat für die Gestaltung ein Fotomotiv aus dem Bildband „Im Ruhrgebiet“ (1958) des Künstlers und Fotografen Chargesheimer ausgewählt. Der Begleittext des Werks stammt von Heinrich Böll. „Der entscheidende und zugleich schwierigste Punkt war, die ganze Identität der Knappschaft in eine minimalistische Darstellung umzusetzen. Da ist es nicht ganz einfach ein Bild zu finden, das für 1.000 andere Bilder spricht“, so Lienemeyer. „Letztlich bringt man auch immer seine subjektive Sicht des Themas ein.“ Dass sich der Offenbacher Designer für ein Fotomotiv entschieden hat, war das Ergebnis eines kreativen Prozesses. „Ich habe zunächst die Vorstellung gehabt, das ganze Spektrum der Knappschaft von der Vergangenheit bis in die Gegenwart abzubilden“, erläutert Lienemeyer. So gab es Entwürfe mit Büchsenkasse, Berghauptmann und Kohlenlore.

„Im Hinterkopf schwebte aber immer auch das Buch von Chargesheimer, das ich noch aus meiner Studentenzeit kannte“, sagt Lienemeyer. „Die Bilder sind mir nicht aus den Sinn gegangen. Das war für mich richtige soziale Fotografie, weil sie die Arbeit unter Tage schonungslos aufgezeigt hat.“ In der Tat beeindrucken die Motive durch intensive und unmittelbare Eindrücke aus dem Leben der einfachen Arbeiter, wobei die Bilder durch starke hell-dunkel Kontraste auffallen. Diese Eindrücke dürfen auch für die Briefmarke nicht verfälscht werden. Bildbearbeitung und Retuschen waren für Lienemeyer tabu: „Ich habe immer sehr viel Respekt vor dem gegebenen Bild und deshalb manipuliere ich keine Fotos.“

Ansonsten bedient sich Lienemeyer aber gerne moderner Kommunikationsmittel. Seine Recherchen für Gestaltungsarbeiten beginnt er meist im Internet – zum Beispiel in „modernen Antiquariaten“ und digitalen Bildarchiven. Im Falle der Knappschaft, deren Geburtsstätte in Goslar liegt, fiel ihm der Einstieg in das Thema nicht besonders schwer. „Die Knappschaft war mir schon ein Begriff, weil ich Familienkontakte zum Ruhrgebiet hatte und in Essen den großen Industriearchitekten Fritz Schupp kennen lernte. So hatte ich gleich eine emotionale Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet“, erzählt Lienemeyer. „Für mich war die Region immer mit harter und gefährlicher Arbeit unter Tage verbunden.“

Auch im Online-Shop des Deutschen Bergbau-Museums Bochum hat er sich umgesehen, um Gestaltungsideen zu finden und zu entwickeln. Erste Zeichnungen und Entwürfe per Hand folgten, das Design entsteht dann in einem nächsten Arbeitsschritt am Rechner. Lienemeyers Mitarbeiter Roland Marloh ist als Bildbearbeiter und Computerspezialist dann für das sogenannte Artfinish zuständig und gibt den Marken wie „750 Jahre Knappschaft“ dann den letzen Schliff.

„Es ist immer wieder eine Hohe Auszeichnung zu den Gestaltungswettbewerben eingeladen zu werden“, betont Lienemeyer. Dabei ist er nicht gerade ein Frühstarter was die Gestaltung von Briefmarken betrifft. Mit Ende 50 hat er sich zum ersten Mal mit der Materie auseinandergesetzt – und sich gleich gegen die Konkurrenz der teilnehmenden Briefmarken-Designer durchgesetzt. „1989: Öffnung innerdeutsche Grenzen“ hieß das Thema 1995. Seitdem hat ihn die Faszination nicht mehr losgelassen. Bei rund 100 Wettbewerben zur Gestaltung der Postwertzeichen konnte er in den vergangenen 15 Jahren seine Ideen einbringen. Und seine Kreativität überzeugt: Mehr als 20 Wettbewerbe hat er gewonnen. Und so sind Lienemeyers Arbeiten mittlerweile in Millionenauflage gedruckt, zieren unzählige Postkarten und Briefumschläge oder haben ihren Platz in den Alben der Sammler gefunden – beispielsweise als Sondermarke zum 100. Geburtstag von Erich Kästner mit dem Motiv „Emil und die Detektive“ vom bekannten Zeichner Walter Trier.

Stellt sich noch die Frage, wie man eigentlich Briefmarken-Designer wird. In den 1990er Jahren fiel Lienemeyer eine elegant gestaltete Briefmarke auf, die die Stadt Frankfurt darstellt und in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vorgestellt wurde. „Daraufhin habe ich den damaligen Vorsitzenden des Kunstbeirates, Professor Karl-Oskar Blase, mit den Worten ,Für mein Leben gern würde ich einmal eine Briefmarke entwerfen’ kontaktiert“, erinnert sich Lienemeyer. Die erste Teilnahme an einem Wettbewerb ließ dann tatsächlich nicht lange auf sich warten.

Hat man den ersten Schritt geschafft und wird als einer von etwa 100 auf Briefmarken spezialisierten Designern in Deutschland für den Gestaltungswettbewerb eingeladen, muss man gleich eine ganze Reihe von Kriterien beachten. „Man darf zum Beispiel nicht zu filigran arbeiten, damit das Motiv noch erkennbar ist“, erläutert Lienemeyer. Auch die äußere Beschaffenheit spielt eine Rolle – schließlich muss der Poststempel auf der Marke haften. In einer Ausschreibung werden alle Details bis hin zum Einsendetermin festgehalten. Dazu gibt es weitere Vorgaben – zum Beispiel, ob Foto, Zeichnung oder Grafik für die Darstellung bevorzugt werden. Lienemeyer: „Grundsätzlich ist die Motivwahl dann freigestellt und es gibt einen offenen Gestaltungsspielraum. Auch die Anzahl der Entwürfe ist theoretisch nicht begrenzt, aber ich entscheide mich immer für eine aus meiner Sicht überzeugende Lösung und reiche dazu noch zwei bis drei Alternativen ein, die sich aber deutlich voneinander unterscheiden.“ Wichtig ist ihm dabei vor allem, dass die inhaltliche Übersetzung des Themas stimmt. Das ist der eigentliche kreative Part der Arbeit. „Grafische Gestaltung ohne Inhalt funktioniert nicht“, meint Lienemeyer. „Sonst entstehen inhaltlose Marken.“ Ein erfolgreiches Rezept, wie es scheint. „Mittlerweile bin ich 74 Jahre alt und werde immer noch zu den Gestaltungswettbewerben für Briefmarken eingeladen“, freut sich Lienemeyer. „Das ist auch meine große Herausforderung und mein Lebenselixier.“

Interessante Links:

www.knappschaft.de